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Rätselhafte kleine Trolle
Das Leben mit Behinderten ist anstrengend
aber wunderschön
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Max Pothmann, Jahrgang 1979, war von 1998 bis 2000 ASF-Freiwilliger in Norwegen und von Dezember 2000 bis August 2001 im Referat für Öffentlichkeitsarbeit tätig.
Derzeit macht er eine Ausbildung in Modern Dance in Kopenhagen |
Mitte der 1990er Jahre berichtete DER SPIEGEL über eine Klage deutscher Urlauber gegen ihren Reiseveranstalter.
Der Grund: Im Speisesaal ihres Hotels hatte man ihnen Tischnachbarn zugemutet, die aufgrund körperlicher und geistiger Einschränkun-gen weniger appetitlich aßen und ihnen so das Frühstück verdarben.
Die Klage hatte Erfolg. Der Richter befand, im Urlaub solle man sich weder "ekeln", noch solle man das "Elend der Welt" sehen.
Höchstwahrscheinlich wusste er wenig über Entwicklungsstörungen, mit Sicherheit hatte er niemals Kontakt zu Menschen mit solchen Störungen.
Das Urteil ist bezeichnend für unsere Gesellschaft.
Zugegebenermaßen wusste auch ich vor meiner Freiwilligenzeit auf Granly wenig über Menschen mit Entwicklungsstörungen.
Granly ist ein privates, Heim in Norwegen, in dem 20 "psychisch Entwicklungsgehemmte" leben.
16 von ihnen sind mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommen. Der größte Teil ist weitgehend fit und nach dem Institutionsterminus "selbständig".
Es gibt aber auch Einige, die gefüttert werden, Windeln tragen oder kaum etwas sehen und deswegen rund um die Uhr beaufsichtigt werden.
Der Altersdurchschnitt ist recht hoch.
Etliche Bewohner sind über 40, einige über 50 und zwei gar über 60.
Die jüngste, Camilla, ist 26 Jahre alt.
Granly besteht aus vier Wohnhäusern, dem Büro, einem Schulhaus, in dem sich Webstube, Schreinerei, Küche und Therapieraum befinden, Wirtschaftsgebäuden, einem kleinen Gewächshaus mit Garten, einem Swimmingpool und einem kleinen Acker.
Ich habe im Gamle Huset, im "alten Haus" gewohnt, einer alten Fabrikantenvilla aus dem Jahre 1903.
Im Gamle Huset lebenfünf Entwicklungsgehemmte.
Torkild, Bård und Per Morgan ha-ben das Down-Syndrom, ähneln also kleinen Trollen.
Nils ist Autist und ein bisschen der böse Bube von Granly, weil er sehr schwierig und herausfordernd ist.
Camilla ist ein echtes kleines Byttebarn, ein Tauschkind, das von seiner Trollmutter in einer Menschenwiege hinterlassen wurde.
Sie ist sehr kurz und kugelrund, liebt Essen, Schaukeln, Schmusen und Musik.
Das heilpädagogische Verstandnis, mit dem man den Bewohnern von Granly begegnet, stellt die Fähigkeiten des Einzelnen und dessen Forderung in den Mittelpunkt.
Es hat zur Folge, dass einige der Bewohner ein "Pfauen-Gebaren" an den Tag legen, getreu dem Motto: "Ich bin schön. Habt mich lieb und seid mir untertan."
Andererseits sind die Vorteile der anthroposophischen Heilpädagogik auch klar erkennbar:
So findet sich auf Granly ein enormes künstlerisches und musisches Potential.
Viele Bewohner malen seit einer Ewigkeit, spielen Leier oder Klavier, singen im Chor und tanzen Volkstanz.
In der "Granly-Kulturwoche" wurden ihre Bilder zusammen mit den Produkten der Werkstatten ausgestellt.
Die Ausstellung lässt sich mit Worten nicht beschreiben, sie war einfach beeindruckend.
Die Bilder waren für mich klare Beweise der großen Wachheit der Mongoloiden und Autisten.
Sie zeigten, dass diese im außersprachlichen Bereich durchaus nicht gehemmt sind.
Auf vielen Bildern wurden engelhafte Gestalten dargestellt oder der Mensch als etwas Leuchtendes zwischen Himmel und Erde.
Sehr oft fanden sich auch ernst blickende Gesichter, wie versteckt unter einem Schleier aus Aquarellfarbe.
Andere zeichneten Träume - orientalische Schlösser und Könige oder Oasen und Palmen.
Das Zusammenleben mit mongoloiden Menschen kann Kräfte zehrend sein, da es auf Kosten der gewohnten Privatsphäre geht.
So kam es vor, dass ich nach dem Heimkommen von einem Spaziergang feststellte, dass jemand mein Zimmer aufgeräumt oder das Geschirr aus der Spüle in den Schrank geräumt hatte.
Scheinbare Kleinigkeiten, die einem, wenn sie sich häufen, jedoch auf die Nerven gehen.
Auf der anderen Seite gab es verteilt über den Tag immer wieder kleine, wunderschöne Freuden und Zärtlichkeiten.
Wenn zum Beispiel Gerd meine Hand küsste, Dag mich umarmte oder Per Morgan mich seinen "Holzjungen" nannte, weil ich ihm beim Holz sägen geholfen hatte.
Die Bewohner von Granly sind kleine, rätselhafte Trolle; knuddelig machmal, zärtlich und ganz lieb, aber auch fordernd, kritisch und immer wieder Spiegel der eigenen Schwachen.
Ich bin froh über das Geschenk, auf Granly gelebt haben zu dürfen.
Quelle: Zeitschrift "zeichen" der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. - Nr.4 Dezember 2001
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